"Wir stehen als Gesellschaft zusammen, lassen uns nicht einschüchtern, wir laufen nicht auseinander ...". (Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach dem Verbrechen in Hanau am 20.02.2020)

Angesichts der deutschland- und europaweit ansteigenden Äußerungen und Taten mit antisemitischem Hintergrund wächst auch zivilgesellschaftlich das Bestreben, dieser Entwicklung entschlossen entgegenzutreten.


In zahlreichen Vereinen, Organisationen und Stiftungen ebenso wie im politischen Handeln wird bereits der Einsatz gegen Rassismus, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit gefördert. Toleranz, Integration und gesellschaftliches Miteinander werden dort als Ziele definiert. Dennoch fehlt bislang in Deutschland eine klare Plattform, die sich zivilgesellschaftlich dezidiert mit dem Phänomen des Antisemitismus auseinandersetzt, politische Impulse setzt und verschiedene Aktivitäten bündelt. Hier will der Verein ansetzen und als klarer Ansprechpartner für  zivilgesellschaftliches Engagement gegen Antisemitismus wirken.


Historisches Vorbild
Der Verein knüpft dabei bewusst an die Tradition des 1890 gegründeten historischen „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus“ („Abwehrverein“) an, der bis 1933 Bestand hatte und mit den sog. „Abwehrblättern“ ein eigenes Mitteilungsheft herausgab. Bekannte Zeitgenossen, die sich dort engagierten, waren u.a. Robert Bosch, Heinrich Mann,  Theodor Mommsen und Charles Hallgarten. Der hier neu gegründete Verein macht es sich zum Anliegen, ihre Ziele in die Gegenwart zu übertragen.


Antisemitismus in Deutschland – alte Mythen in neuem Gewand
Laut einer aktuellen europaweiten Erhebung erleben 85 Prozent der befragten Jüdinnen und Juden in Deutschland den Antisemitismus als „großes“ oder „sehr großes“ Problem – eine Steigerung um 23 Prozent gegenüber 2012. 41 Prozent der Befragten in Deutschland gaben sogar an, im vergangenen Jahr mindestens einmal eine antisemitische Erfahrung gemacht zu haben und 44 Prozent hatten bereits an Auswanderung gedacht. Die Anzahl der antisemitischen Straftaten lag in Deutschland im Jahr  2018 bei 1799 Fällen. Dies führt zu einer zunehmenden Verunsicherung in der jüdischen Gesellschaft. 


Diese Grundstimmung ist Ausdruck einer Gesellschafts- und Medienkrise. Bislang für selbstverständlich erachtete Ordnungen werden in Frage gestellt, soziale Sicherheiten erodieren. Das Vertrauen in politische Institutionen sinkt. Diese Verunsicherungen finden ihren Ausdruck vor allem in einer wachsenden gesellschaftlichen Polarisierung, sei es in sozialen Netzwerken ebenso wie in der parlamentarischen Debattenkultur. Gleichsam als Erklärungsfolie dienen in dieser Situation alte Mythen, die von bösen Einflüssen als der wahren Macht hinter Politik und Wirtschaft ausgehen. Elementarer Bestandteil solcher Verschwörungsmythen sind antisemitische Denkmuster. Diese haben inzwischen deutschlandweit auch den Weg in die Parlamente gefunden.

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